Fundstück

Während meiner Tour als Backpacker über die Irische Insel ist mir ein Buch auf eine dieser seltsamen Arten begegnet, wie es Bücher so manchmal an und in sich haben. 15Km mit dem Rucksack liegen hinter mir. Es regnet. Es stürmt. Die Wege zu matschig, als dass man mit dem Rucksack auf dem Rücken nicht darin versinkt. Also führt mein Weg über Landstraßen. Wer die Irischen Straßen und den entsprechenden Verkehr kennt, weiß, wie gefährlich dieses Unterfangen ist. Entmutigt, müde, nass und durchgefroren kehre ich auf einem Campingplatz ein. Liebenswert wie die Iren sind, bekomme ich einen Kaffee, an dem ich mir Hände und Seele wärme. Wenn ich noch etwas bräuchte, sollte ich: Ring the bell. Meine Augen fliegen über die Buchrücken im Regal neben dem Tisch, an dem ich meine Seele salbe. Public bookshelf. Niederländische Bücher. Bücher in Englisch. Englische Bücher kann ich ja nicht sagen, denke ich, sie können genauso gut Irische Bücher sein oder Amerikanische oder… Mendels Zwerg¹, lese ich und nehme es aus dem Regal. Übertragung aus dem Englischen. Sofort weiß ich, das Buch gehört in meine Recherchelesereihe. Es wandert in den Rucksack.

Ich muss nicht the bell ringen. Der Campingplatzbesitzer kommt in den Gastraum und über das Woher und Wohin kommen wir ins Gespräch. Inzwischen war der Entschluss gereift, ich würde für die nächsten zehn Kilometer ein Taxi nehmen. Ich frage den Mann, ob er das Telefonat für mich führen könne. Mich von Angesicht zu Angesicht in Englisch zu verständigen ist kein Problem. Aber Telefonieren spricht eine andere Sprache. Der Mann sagt, er hätte einen Transporter, damit könnte er… und schon steht das Gefährt vor der Tür. Mehr Viehwagen als Kleintransporter. Als er die Tür aufschiebt, sehe ich zwei Matratzen liegen. Er habe schon oft Backpacker aufgelesen und würde mich in diesem Gefährt meinem Ziel zubringen. Gesagt. Getan. So sind die Iren. Ich hege ihnen gegenüber kein Misstrauen.

Im Hostel angekommen, beginne ich die Lektüre: Mendels Zwerg. Anfangs stört mich vieles an der Art, wie der Text konstruiert ist. Ich bin ein paar Mal versucht, es beiseite zu legen. Doch die Weise wie es mich gefunden hatte und etwas, dass ich nicht nennen kann, lässt mich weiterlesen. Jetzt, da ich die letzten Seite hinter mir habe, weiß ich: es gehört zu diesem Text, dass der Autor den Leser direkt anspricht. Das ist etwas, was mich in Romanen eigentlich abstößt. Und es gehört zu diesem Text, dass der Protagonist mal in der dritten Person Singular über sich spricht. Mal in der ersten Person Singular die Geschichte vorantreibt. Will man über sich sprechen, muss man ein Stück von sich abrücken, sich mit Abstand betrachten. Dann kann man als erste Person Singular seine Geschichte oder was immer vorantreiben. Diese wechselhafte Erzählperspektive passt dem Protagonisten wie angegossen, denn er ist nicht nur Mendels Zwerg sondern auch Genetiker. Liebender Mann, dessen Liebe nicht aufgeht, wie die Versuche in seinem Labor. Er ist ein Mensch. Mit Geist. Körperlich eine Mutation, die von seiner Umwelt mit Argwohn, Widerwärtigkeit und Vorurteilen betrachtet wird. Geistig eine Größe, die das alles zu bewerten weiß und doch weiß, dass sie nicht aus sich heraus kann, eben weil Dr. Lambert in Mendels Zwerg gefangen ist. Das braucht die dritte und erste Person, um davon zu erzählen. Zum anderen blättert das Buch die gesamte Zeit der Genetik und Eugenik auf. Das ist das, was das Buch zu einem Buch meiner Recherchelektüre macht. Es spannt den Bogen vom Mönch Gregor Mendel, über die Gesetze der Rassenhygiene, hinüber ans Ufer Heute. Es zeigt: die Gesetze der Rassenhygiene gelten immer noch. Ungeschriebene gesellschaftliche Gesetze sind sie heute. Wir können „Wunschkinder“ kreieren, die über Eigenschaften verfügen, die wir als unsere gesellschaftliche Normen festlegen. Der normierte Mensch. Das was wir gemeinhin normal nennen. Diese „Wunschkinder“ müssen nicht unbedingt blauäugig und blond sein. Aber athletisch, hochintelligent, leistungsfähig, langlebig, frei von jedweder Krankheit und was immer den Marktwert eines Menschen steigert. Der vierte Weltkrieg ist der Markt der Eitelkeiten und konstruiert sich seine Armee. Wir haben nichts gelernt aus der Vergangenheit. Das ist der Grund, aus dem der Text diese Buches den Leser ansprechen darf und soll. Er und sie und Sie und ich können sich so als Teil dieser Zeit wiedererkennen und von Dr. Lambert lernen.

Auch über die Arbeit im Genalbor. Die vielen Fachbegriffe kann man getrost überlesen. Ebenso die vielen Nebenbemerkungen in Klammern gesetzt, die den Text zerpflücken.

Die Botschaft bleibt erhalten.

¹Mendels Zwerg von Simon Mawer, Goldmann 1999

 

Ines Gerstmann

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