Wo man mit muss

Während unseres gestrigen Autorentreffens ging es wieder um das Handwerk des Schreibens. Genauer gesagt um den Rhythmus. Torsten Himstedt hatte das Thema in die Runde gebracht, auch wie er sagte, um sich selbst erneut eingängig damit zu befassen. So hatte er einiges an Material und Wissen im Gepäck, das er mit uns teilte. Wir sprachen darüber, mit welchen Rhythmuselementen wir Texte formen und gestalten können, auch und v.a. um dem Inhalt Rechnung zu tragen. Ihm mit subtiler Leichtigkeit Gewicht zu verleihen. Aussagen zu verstärken, ohne den Zeigefinger zu erheben. Oder auch den Rhythmus bewusst und gezielt zu brechen, um etwas ins Gegenteil zu verkehren oder Leerstellen zu generieren als Atempausen für Leser, Hörer, Autor¹.

Das (innere) Ohr aufmerksam machen, das Ohr vorbereiten, das Ohr durchlässig machen für das Geschriebene, Gelesene und Gehörte, es erinnerlich machen, so waren wir uns einige, ist der Grund, aus dem jeder Text – gleich ob Lyrik oder Prosa oder… – Rhythmus braucht. Rhythmus ist Leben. Leben ist Rhythmus.

Wir sprachen und hörten von Metrum, Reimen, betonten und unbetonten Silben, weiblichen und männlichen Kadenzen. Auf Versfüßen näherten wir uns über Strophe, Zeile, Satz Wort, Silbe den kleinsten Elementen der Texte. Anhand Heinrich Heines Nachtgedanken fassten wir die einzelnen Rhythmuselemente ins Auge. Was uns so scheinbar einfach ins Ohr dringt, ist eine Folge verschiedener Rhythmuselemente. Wir begegneten Wiederholungen: von Sätzen, Satzteilen, Wortverbindungen und Inhalten. Alliterationen kommen vielfach in jenem Gedicht vor. Und natürlich untersuchten wir den Text auch auf die bereits erwähnten Mittel der Verslehre hin. Am Ende lag für mich ein altes neues Gedicht vor mir.

Dazu befassten wir uns auch mit Prosatexten und ihrem Rhythmus, sowie mit Texten aus dem Poetry-Slam. Der Abend geriet zu einer rhythmische Reise durch die Zeit.

Als ich im Anschluss meinen täglichen handschriftlichen Text zu Hause ins Maschinchen hackte, konnte ich dem Rhythmus nicht mehr entgehen. Ich versuche meinen Texten stets Rhythmus zu geben. Das tue ich das aus dem Bauch heraus, indem ich ihn mir laut vorlese. Wo es hakt und stolpert, wird geglättet oder ein Stolperstein mehr in der Textlandschaft verbaut. Doch: Mir wissentlich im Rhythmus des eigenen Textes zu begegnen, bleibt als singuläres Erlebnis von diesem Abend und das Wort lechzt.

¹ Im Maskulinum denke ich das Feminine stets mit und umgekehrt.

Unser nächstes Treffen findet statt am: 12. April 2017, 17Uhr, im Clubraum der Konzerthalle Frankfurt an der Oder. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Ines Gerstmann

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Oderlandautoren…

Den Namen lasse ich mir langsam auf der Zunge zergehen, er schmeckt nach überfluteten Oderwiesen und Mückenschwärme, nach Ziegenwerder und Winterhafen, nach Gräser kauen und Wörter spucken, nach Schreibversuchen und Schiffchen bauen, nach Ufer suchen und erforschen, allein und gemeinsam. Wir sind in Bewegung, wie ein Fluss, wie unsere Oder, mal spielerisch kreisend, mal Richtung suchend, mal schnell, mal langsam, aber wir sind da und wollen in dieser Landschaft, unserer Oderlandschaft bleiben und wachsen, wir wollen ihre Ufer beleben, verschönern und unsere eigenen, ganz persönlichen Spuren hinterlassen …

Und ich darf sagen, ich gehöre dazu, geboren in Frankfurt an der Oder und wieder hierher zurück gekehrt, also wirklich eine „Echte Frankfurter Oderpflanze“.

Ich schreibe Gedichte. Warum? Genauso könnte man fragen, warum atme, liebe und lebe ich, warum gehe ich zur Arbeit, ziehe Kinder groß, wachse und sterbe ich?

Ganz einfach, weil das zum Leben dazu gehört, jedenfalls für mich.

Ich schreibe Gedichte, nicht täglich und nur als Hobby, aber ich muss schreiben, wenn es mich überkommt, wenn die Bilder/Gefühle/Gedanken/Grillen/Würmer/Wörter (was auch immer) raus wollen, ehe sie mir Kopf-, Bauch- oder Herzschmerzen bereiten.

Und wenn dann irgendwann die Bilder, Gefühle usw. komprimiert in schwarzen Lettern ihren Ausdruck gefunden haben, egal ob mit oder ohne Versmaß, dann ist es, als ob endlich ein noch nie dagewesener Schmetterling aus seinem Kokon geschlüpft ist und nun befreit und glücklich über die Wiesen flattert.

Die Gedanken sind frei …

Ilona Barschke

Setzt Euch frei

Wo die Oderlandautoren ihren Ursprung haben, ist in der Zeit nicht genau zu lokalisieren. Der Raum steckt im Namen. Zeitlich liegt er vielleicht im Deutsch-Polnischen Literaturbüro, das sich zu Beginn der 1990er in Frankfurt an der Oder eben jener Literatur verpflichtet fühlte. Vielleicht reicht der Ursprung aber noch weiter zurück – in die Kreise der Schreibenden Arbeiter. Oder… Darüber können andere unserer Autorinnen und Autoren besser Auskunft geben als ich. Schreiben lernte ich zu dieser Zeit als etwas, das unweigerlich zum Leben dazugehörte. Nicht unbedingt als Kulturtechnik, eher als Bildungsgrundlage. Dass Schreiben im literarischen, im künstlerischen, im spielerischen, im gestalterischen, in allen Sinnen heute nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken ist, ahnte ich damals nicht.

Die ersten Schritte in diese Richtung machte ich in der Schreibwerkstatt an der Oder. Heute ist sie näher in das Zentrum der Stadt wie auch in mein Leben gerückt und heißt Sankt Spiritus. Hier erlebte ich auch, dass Schreiben nicht unbedingt ein einsamer Prozess sein muss. Hinzu kam eine der ersten Lesungen. Meine erste Nacht der Poesie. Eine Wiederbelebung poetischer Nächte, in denen ich noch nicht schrieb. Diese Nächte an der Oder haben ihre Quelle im Deutsch-Polnischen Literaturbüro. (Wer kann, möge mich berichtigen). Ich erinnere mich an meine erste poetische Nacht. Das Jahr erinnere ich nicht. Vielleicht 2009. Ich war sehr aufgeregt mit namhaften Autoren gemeinsam zu lesen. Ich erinnere mich, dass ich hernach zwei Nächte nicht schlafen konnte. So muss es sein, wenn Mensch auf Speed auf. Diese Nacht hatte so viel Energie freigesetzt… .

Mit dieser Nacht entwickelte sich unter der Schirmherrschaft von Dr. Wissen, dem damaligen Leiter der Bibliothek, das Autorentreffen. Mit am Werk waren wohl auch Menschen, die still im Hintergrund arbeiteten. Das kann ich nur vermuten. Wir trafen uns alle Vierteljahre, um über Texte zu sprechen, um uns auszutauschen und jeweils die nächste Nacht der Poesie vorzubereiten. Im vergangen Jahr (2015) dann die nicht nachvollziehbare Entscheidung der Kulturpolitik in Frankfurt an der Oder: Unser Treffen dürfe nicht mehr in den Räumlichkeiten der Stadt- und Regionalbibliothek stattfinden. Der Schirm war weg und auch der Herr ging.

Wir waren an die Luft gesetzt. Wir atmeten tief durch. Es setzte Energie frei. Keiner von uns wollte die Treffen und die Nacht der Poesie aufgeben. Also setzten wir uns in Bewegung. Wir suchten neue Räume und fanden sie. Wir suchten andere Unterstützer und fanden sie. Wir suchten keinen Namen und fanden ihn. Oderlandautoren. Die Stadt- und Regionalbibliothek wird Herberge für die Nacht der Poesie bleiben. Alles wuchs innerhalb eines halben Jahres aus sich selbst heraus und wächst weiter. Inzwischen sind wir dabei, einen Kooperationsvertrag mit „einem Großen“ zu schließen, bereiten die Zusammenarbeit mit der lokalen Buchhandlung Ulrich von Hutten vor und unsere erste Frühjahrslesung: Lyrik im Foyer. Zu diesen Entwicklungen schreiben wir, wenn die Zeit reif ist.

Was sich für mich im Augenblick darstellt: Neben den angestellten Künstlern, neben der freien Szene ist es möglich eine freigesetzte Szene zu etablieren, um Kultur in einem Ort mitzugestalten. Vielleicht trifft es das Adjektiv bürgergesellschaftlich und möglich, dass sich hier der Kreis der Schreibenden Arbeiter wieder schließt. Er hat eine andere Form und neue Inhalte. Er ist nicht vollkommen. Nicht rund. Eiert hier und da, schließt aber auch ein, bis zu einem gewissen Grad unabhängig zu sein. Dass wir nicht vollkommen unabhängig von der Kulturpolitik agieren können, ist klar, denn Grundstrukturen braucht es, wollen wir ein lokales kulturelles Netzwerk mit der Literatur über die Literatur hinaus schaffen. Doch fühle ich, dass die freigesetzte Szene einen gewissen Grad an Freiheit besitzt, dessen sie sich nicht immer bewusst ist und kulturpolitisch vielleicht auch nicht bewusst werden soll. Vor allem hat sie Potenz. Deshalb habe ich diese vielen Worte hier [nicht] verschwendet: Kulturarbeit ist anstrengend. Kulturarbeit ist schön. Macht Euch ans Werk – auch wenn es ein kleines, vor allem, wenn es ein lokales wird. Setzt Buchstaben. Setzt Zeichen. Setzt Euch frei!