Wenn ich Gedichte schreibe

Wenn ich Gedichte schreibe
vergess` ich Raum und Zeit
mir ist als ob ich treibe
von aller Last befreit

Ich fühle leise Schwingen
wie eine Melodie
und kleine Verse werden
zu einer Sinfonie

Wenn ich Gedichte schreibe
kehrt Ruhe in mir ein
ich schwebe sacht nach Innen
und löse mich vom Sein

Ich möcht´ so viel noch schreiben
so viel was ungedacht
und meine Ruhe finden
in einer Sommernacht

Ilona Barschke 2011

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Oderlandautoren…

Den Namen lasse ich mir langsam auf der Zunge zergehen, er schmeckt nach überfluteten Oderwiesen und Mückenschwärme, nach Ziegenwerder und Winterhafen, nach Gräser kauen und Wörter spucken, nach Schreibversuchen und Schiffchen bauen, nach Ufer suchen und erforschen, allein und gemeinsam. Wir sind in Bewegung, wie ein Fluss, wie unsere Oder, mal spielerisch kreisend, mal Richtung suchend, mal schnell, mal langsam, aber wir sind da und wollen in dieser Landschaft, unserer Oderlandschaft bleiben und wachsen, wir wollen ihre Ufer beleben, verschönern und unsere eigenen, ganz persönlichen Spuren hinterlassen …

Und ich darf sagen, ich gehöre dazu, geboren in Frankfurt an der Oder und wieder hierher zurück gekehrt, also wirklich eine „Echte Frankfurter Oderpflanze“.

Ich schreibe Gedichte. Warum? Genauso könnte man fragen, warum atme, liebe und lebe ich, warum gehe ich zur Arbeit, ziehe Kinder groß, wachse und sterbe ich?

Ganz einfach, weil das zum Leben dazu gehört, jedenfalls für mich.

Ich schreibe Gedichte, nicht täglich und nur als Hobby, aber ich muss schreiben, wenn es mich überkommt, wenn die Bilder/Gefühle/Gedanken/Grillen/Würmer/Wörter (was auch immer) raus wollen, ehe sie mir Kopf-, Bauch- oder Herzschmerzen bereiten.

Und wenn dann irgendwann die Bilder, Gefühle usw. komprimiert in schwarzen Lettern ihren Ausdruck gefunden haben, egal ob mit oder ohne Versmaß, dann ist es, als ob endlich ein noch nie dagewesener Schmetterling aus seinem Kokon geschlüpft ist und nun befreit und glücklich über die Wiesen flattert.

Die Gedanken sind frei …

Ilona Barschke

Setzt Euch frei

Wo die Oderlandautoren ihren Ursprung haben, ist in der Zeit nicht genau zu lokalisieren. Der Raum steckt im Namen. Zeitlich liegt er vielleicht im Deutsch-Polnischen Literaturbüro, das sich zu Beginn der 1990er in Frankfurt an der Oder eben jener Literatur verpflichtet fühlte. Vielleicht reicht der Ursprung aber noch weiter zurück – in die Kreise der Schreibenden Arbeiter. Oder… Darüber können andere unserer Autorinnen und Autoren besser Auskunft geben als ich. Schreiben lernte ich zu dieser Zeit als etwas, das unweigerlich zum Leben dazugehörte. Nicht unbedingt als Kulturtechnik, eher als Bildungsgrundlage. Dass Schreiben im literarischen, im künstlerischen, im spielerischen, im gestalterischen, in allen Sinnen heute nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken ist, ahnte ich damals nicht.

Die ersten Schritte in diese Richtung machte ich in der Schreibwerkstatt an der Oder. Heute ist sie näher in das Zentrum der Stadt wie auch in mein Leben gerückt und heißt Sankt Spiritus. Hier erlebte ich auch, dass Schreiben nicht unbedingt ein einsamer Prozess sein muss. Hinzu kam eine der ersten Lesungen. Meine erste Nacht der Poesie. Eine Wiederbelebung poetischer Nächte, in denen ich noch nicht schrieb. Diese Nächte an der Oder haben ihre Quelle im Deutsch-Polnischen Literaturbüro. (Wer kann, möge mich berichtigen). Ich erinnere mich an meine erste poetische Nacht. Das Jahr erinnere ich nicht. Vielleicht 2009. Ich war sehr aufgeregt mit namhaften Autoren gemeinsam zu lesen. Ich erinnere mich, dass ich hernach zwei Nächte nicht schlafen konnte. So muss es sein, wenn Mensch auf Speed auf. Diese Nacht hatte so viel Energie freigesetzt… .

Mit dieser Nacht entwickelte sich unter der Schirmherrschaft von Dr. Wissen, dem damaligen Leiter der Bibliothek, das Autorentreffen. Mit am Werk waren wohl auch Menschen, die still im Hintergrund arbeiteten. Das kann ich nur vermuten. Wir trafen uns alle Vierteljahre, um über Texte zu sprechen, um uns auszutauschen und jeweils die nächste Nacht der Poesie vorzubereiten. Im vergangen Jahr (2015) dann die nicht nachvollziehbare Entscheidung der Kulturpolitik in Frankfurt an der Oder: Unser Treffen dürfe nicht mehr in den Räumlichkeiten der Stadt- und Regionalbibliothek stattfinden. Der Schirm war weg und auch der Herr ging.

Wir waren an die Luft gesetzt. Wir atmeten tief durch. Es setzte Energie frei. Keiner von uns wollte die Treffen und die Nacht der Poesie aufgeben. Also setzten wir uns in Bewegung. Wir suchten neue Räume und fanden sie. Wir suchten andere Unterstützer und fanden sie. Wir suchten keinen Namen und fanden ihn. Oderlandautoren. Die Stadt- und Regionalbibliothek wird Herberge für die Nacht der Poesie bleiben. Alles wuchs innerhalb eines halben Jahres aus sich selbst heraus und wächst weiter. Inzwischen sind wir dabei, einen Kooperationsvertrag mit „einem Großen“ zu schließen, bereiten die Zusammenarbeit mit der lokalen Buchhandlung Ulrich von Hutten vor und unsere erste Frühjahrslesung: Lyrik im Foyer. Zu diesen Entwicklungen schreiben wir, wenn die Zeit reif ist.

Was sich für mich im Augenblick darstellt: Neben den angestellten Künstlern, neben der freien Szene ist es möglich eine freigesetzte Szene zu etablieren, um Kultur in einem Ort mitzugestalten. Vielleicht trifft es das Adjektiv bürgergesellschaftlich und möglich, dass sich hier der Kreis der Schreibenden Arbeiter wieder schließt. Er hat eine andere Form und neue Inhalte. Er ist nicht vollkommen. Nicht rund. Eiert hier und da, schließt aber auch ein, bis zu einem gewissen Grad unabhängig zu sein. Dass wir nicht vollkommen unabhängig von der Kulturpolitik agieren können, ist klar, denn Grundstrukturen braucht es, wollen wir ein lokales kulturelles Netzwerk mit der Literatur über die Literatur hinaus schaffen. Doch fühle ich, dass die freigesetzte Szene einen gewissen Grad an Freiheit besitzt, dessen sie sich nicht immer bewusst ist und kulturpolitisch vielleicht auch nicht bewusst werden soll. Vor allem hat sie Potenz. Deshalb habe ich diese vielen Worte hier [nicht] verschwendet: Kulturarbeit ist anstrengend. Kulturarbeit ist schön. Macht Euch ans Werk – auch wenn es ein kleines, vor allem, wenn es ein lokales wird. Setzt Buchstaben. Setzt Zeichen. Setzt Euch frei!

Der Uhrmann und sein Werk

Ich denke an den alten Mann, der mit einem Uhrwerk lebt. Ich begegnete ihm auf einer meiner Fußreisen. Vielleicht ist der Uhrmann nicht mehr, um so schöner empfinde ich es, hier noch einmal von ihm schreiben zu dürfen. Sein Werk ist verbunden mit der Kirche und ihrem Dorf, in dem der Alte sein gesamtes Leben verbrachte. Den Namen des Dorfes weiß ich nicht mehr, aber der alte Mann und sein Uhrwerk ist mir gegenwärtig und wird es bleiben. Ein Teil meiner inneren Sammlung. Wie der Uhrmann stand: Fest mit beiden Füßen auf dem Boden der Kirche. Sein Gesicht schaute offen ins Objektiv meiner kleinen Kamera. Ich weiß auch noch die große Sonnenblume, die aus dem Mauerwerk der Kirche wuchs. Ihre Samen waren reif. Wir (ich reise zu zweit) warteten auf den Uhrmann, den wir zufällig getroffen hatten. Er holte den Schlüssel, uns zu öffnen. Er öffnete uns nicht einzig die Tür ins Innere der Kirche. Er führte uns hindurch und erzählte viel über sie, über seine einmalige Holzdecke, die schon viele namhafte Wissenschaftler dazu veranlasst hat, in der Kirche nach Kunst und Geschichte zu forschen. Er erzählte über die Wandmalereien, über die Kapitelle und führte uns in kleine Geheimnisse ein. Ein riesiger Erfahrungsschatz;- seine innere Sammlung. Er führte uns zwei Stunden durch die Kirche und ich glaube, selbst ein Tag hätte nicht gereicht, alles zu hören, was der Alte wusste. Er erzählte uns auch, dass es schwer wäre, unter den wenigen jungen Menschen im Dorf einen Nachfolger zu finden. Das Uhrwerk behielt er uns bis zum Ende des Rundgangs vor. Als er den Vorhang aufzog, hinter dem das Werk seine Arbeit verrichtete, blitzten seine Augen auf. Er liebte es. Wie die Mechanik der Uhr funktioniert, habe ich mir nicht gemerkt, aber dass die Zeit von zwei Gewichten im Lauf gehalten wurde, sehe ich noch deutlich vor mir. Während ein Gewicht sich aufwärts bewegte, senkte sich das Zweite der Erde zu. In regelmäßigen Abständen, ich glaube es war zweimal am Tag, mussten die Gewichte wieder gegeneinander aufgezogen werden. Dann stieg das zur Erde gesunkene wieder nach oben. Das zweite Gewicht bewegte sich gegenläufig und die Zeit nahm ihren Lauf. Das Werk zu pflegen und seine gegenläufigen Gewichte in Bewegung zu halten, ist die Arbeit des alten Uhrmanns. Unweigerlich musste ich an den Straßenkehrer Beppo in Endes Geschichte Momo denken und ich frage ich mich: Wer macht diese Arbeit in Zukunft?

Nachsatz: Die Zeitformen schwanken nicht zufällig und es gibt keine vollendete Vergangenheit.

Ines Gerstmann